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Stau-Community

(dfa) Der Mensch an sich ist ja zu vielen Dingen bereit und äußerst leidensfähig – vor allem, wenn er Auto fährt.  

pebEr begibt sich in einen mehr oder weniger engen Raum, sieht es auf Zeit als sein Zuhause an... Soll dabei jedoch Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Fahrzeughaltern geben, aber das ist ein anderer Ansatz. Nun ja, also er begibt sich auf Fahrt, jagt oder schleicht freiwillig auf Land- und Bundesstraßen sowie Autobahnen mit anderen Blechbüchsenbewohnern um die Wette. Die einen auf der Suche nach Entspannung, die anderen für den ultimativen Adrenalinkick. Wind und Wetter werden in Kauf genommen, ebenso all diejenigen, die anscheinend ihren Führerschein als Trostpreis in der Verlosung gewonnen haben. Also - außer einem selbst - so etwa alle.

Wer auf Autobahnen unterwegs ist, kommt mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit in einen Stau. Soll ja Leute geben, die gerne in Staus stehen, die meisten sind jedoch mehr zufällig da und weitesgehend unfreiwillig. Doch der Mensch ist ja, wie oben schon gesagt, leidensfähig.

Was passiert also im Stau? Zumindest irgendetwas, das so manchen angehenden Psychologen zu immer neuen Doktorarbeiten veranlassen könnte. Aber soweit muss man ja gar nicht gehen, wenn man sich nur einfach selbst beobachtet. Am Anfang geht es um reine Reaktion und Konzentration. Da sieht man, dass sich auf drei Spuren die Autos sammeln und die ersten die Warnleuchten aufblinken lassen. Okay, das kann ich auch. Es braucht zwei Sekunden, bis ich weiß, wo der noch war. Schließlich nutze ich ihn so gar nicht. In dieser Zeit sind bereits mindestens zehn Autos hinter mir, die ihren Warnblinker schneller gefunden haben. Macht also irgendwie so gar keinen Sinn mehr, ihn anzuschalten. Also, wieder aus. Vor mir kommen die Autos bereits gänzlich zum Stillstand. Wie war das noch? So anhalten, dass man zur Not noch ausweichen kann. Fahrschulunterricht ist schon so ewig lange her. Außerdem stehe ich in der mittleren Spur. Rechts ein dicker Lkw. Ich seh allerdings nur den Reifen. Vor mir ein Kofferauflieger mit tschechischem Kennzeichen. Links alle Pkws, die sich im Überholvorgang befanden, als sie so je gestoppt wurden. Einige Fahrer schauen sich nervös um und suchen die Lücke – in der irrigen Annahme, auf jeder anderen Spur käme man nun schneller voran.

Ein dunkelblauer Wagen aus Schweden rollt an mir vorüber. Warum haben die wohl immer so komische Kennzeichen, frage ich mich gerade. Mit drei Buchstaben, irgendeinem Punkt in der Mitte und dann drei Zahlen. So kann man doch nicht mal erkennen, aus welcher Stadt sie sind. Und warum fährt ein Schwede bis zur Schweizer Grenze? Beim Spanier ist es etwas anderes, der will wahrscheinlich nach Hause. Ich habe Durst. Die Wasserflasche ist voll. Man gut auch griffbereit und gut, dass ich beim Tankstop auf Kaffee verzichtet habe. Ich trinke eh immer lieber wenig, wenn ich weiter weg muss, sonst kann ich an jeder Raststätte anhalten. Von WC-Anlagen ohne Aufsicht reden wir Frauen gar nicht erst. Aber Raststätten werden teuer. Immer 70 Cent für einmal wohin. Und 50 Cent bekommt man vergütet, wenn man was verzehrt. Natürlich tut man das. Man schenkt doch nicht das Geld her. Frauenlogik. Denn das, was man isst oder trinkt, ist völlig überteuert. Aber gut, das alles hatte ich natürlich vorausgesehen. Allerdings hätte ich schon langsam mal den nächsten Rastplatz in Planung gehabt. Nun stehe ich in der mittleren Spur. Nichts geht mehr. Niemand kann sehen, was den Stau ausgelöst hat.

Hmm, wenn ich nun aufs Klo müsste, was mache ich dann? Oh, oh. Eine Vorstellung, die allen verantwortlichen Organen signalisiert, dass man muss. Nein, reine Kopfsache. Nichts da. Aber es geht immer noch nicht richtig weiter, Tank ist Gott-sei-Dank noch gut gefüllt. Was für ein Horrorgedanke, in der mittleren Spur zu stehen und kein Benzin mehr.

Ich drücke mal die Taste mit dem Verkehrsfunk. Ja, da kommt es: „Unfall auf der A5 in Höhe Baden-Baden, zwei Spuren gesperrt. Staulänge etwa 18 km, das Stauende liegt in einer Kurve.“ Ja, ganz große Klasse. Ich stehe also am Ende des Staus in Höhe Rastatt. Natürlich weiß man nicht, welche zwei Spuren gesperrt sind, sonst könnte man sich ja vielleicht entsprechend einordnen. Irgendwie wie Fernsehen: Wählen Sie Spur 1, 2, oder 3.

Langsam kommt etwas Bewegung ins Spiel. Die ersten nutzen den Standstreifen, um zur nächsten Abfahrt zu gelangen. Ich überlege, dass ich mich zuwenig auskenne, um das auch zu machen. Aber die nächste Radiomeldung besagt, dass das eh nicht lohnt, alle Ausweichstrecken sind inzwischen überlastet. Hinter mir klebt ein Mercedes-Lkw. Der Stern wird demnächst meine Heckscheibe eindrücken. Hoffentlich weiß der Fahrer, wo sein Auto aufhört.

Mittlerweile entsteht eine kleine Stau-Community, die dadurch gestört wird, dass sich doch glatt ein Fahrzeug zwischen den Tschechen und mich schiebt. Aber er will nur ganz rechts rüber. Anscheinend muss einer seiner Mitfahrer dringend aufs Klo oder sein Benzin wird knapp. Man gut, ich bin ohne kleine Kinder unterwegs, die alle zwei Sekunden fragen, wann es weitergeht oder Geschwisterkrieg auf den Rückbänken spielen. Im Schneckentempo geht es weiter. Zu früh gefreut, wir stehen wieder.

Plötzlich röhrt es hinter mir, so laut, dass ich vor Schreck Schnappatmung bekomme. Ein Abschleppwagen versucht sich, Bahn zu schlagen durch die nicht vorhandene Rettungsgasse. Ich komme einem Lkw verdächtig nahe, der Abschleppwagen zieht vorbei und röhrt die nächsten Autos an. Was mache ich nun bloß, wenn nun noch ein Rettungswagen dringend vorbei muss? Da kommt aber nichts mehr. Gott-sei-Dank. Die kilometerlange Karawane zieht weiter. Hallo, Schwede, da bist du ja wieder! Auch der weiße Wagen, mit den komischen Seitenteilen ist wieder zu sehen. Und ein Transporter mit der Aufschrift „Spezialist für Golfberegnungsanlagen“. Was das nicht alles gibt.

Mittlerweile ist eine gute Stunde im Stau vergangen. Da vorne sind Lichter zu sehen. Enttäuschung, es sind nur die Zusatzbremslichter eines Kastenwagens. Aber dann, gelbe Lichtpfeile. Ja, klar, die linke und die mittlere Spur sind gesperrt. Toll, alle müssen nun auf die rechte Spur ausweichen und jeder versucht noch schnell einen Blick zu erhaschen, was für ein Unfall für diese lange Stauzeit verantwortlich zeichnet. Aber außer reichlich Scherben und blinkenden Abschleppwagen ist nichts zu sehen. Und außerdem ist man schließlich kein Unfall-Voyeur.

Die Strecke ist frei, die Autos geben Gas und die kleine Gemeinschaft löst sich auf. Der Schwede ist weg, der Spanier auch, den tschechischen Lkw überhole ich. Die ersten rasen bereits wieder, als hätte es nie einen Unfall gegeben. Und ich überlege gerade noch, wie schnell es dazu kommen kann, bevor ich Gas gebe.

peb

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