Alexa, liebst du mich?

(dfa) Ich steige aus dem Auto aus, entferne mich und ein leises Klicken verrät mir, das Fahrzeug hat sich von selbst verriegelt und ein leichtes Aufblinzeln der Blinkanlage verabschiedet mich. Langsam nähere ich mich meinem Haus. Es ist stockfinstere Nacht, die Außenbeleuchtung schaltet sich ein.

Ich nähere mich der Haustür, mein Haus erkennt mich und die Haustür schwingt auf. Eine zarte Frauenstimme begrüßt mich: „Schön, dass du wieder zu Hause bist. Kann ich etwas für dich tun?“ Nicht nötig, von unterwegs hatte ich der Heizung schon befohlen, die Raumtemperatur im Wohnzimmer auf 22° zu regulieren. In der Küche signalisiert mir der Kühlschrank, dass neue Ware eingetroffen ist, er bestellt selbständig nach, wenn etwas knapp wird. Also erst mal ein Bier aus dem Kühlschrank nehmen und gemütlich aufs Sofa. „Fernseher, starte die letzte Folge von ‚The walking dead’.“ „Der Film startet sofort, du darfst dir ein paar Möhrenstänglis dazu genehmigen.“ Nach zwanzig Minuten unterbricht der Film kurz, ich bekomme Tipps, was ich mir noch alles anschaffen könnte, um mein Leben zu verbessern. Heute sind viele Sportgeräte dabei.

Nach dem dritten Bier quakt mich der Kühlschrank an, dass ich nicht so viel saufen sollte. Es interessiert mich nicht, ich habe aber das Gefühl, dass der Kühlschrank mir das übel nimmt. Ich glaube, er merkt sich dieses unbotmäßige Verhalten.

Um 22 Uhr ruft mich der Gesundheitscomputer an, ich hätte mich heute zu wenig bewegt. Außerdem weiß er von meinem Bierkonsum. Mir wird angedroht, dass meine Krankenversicherungsbeiträge erhöht werden könnten. Es sei schon der dritte Verstoß in dieser Woche. Mist. Ein Blick auf meine Smartwatch bezeugt mein Fehlverhalten. Ein Totenkopf blinkt die ganze Zeit und zählt meine Gesundheitsverstöße auf.

Egal, ein Bier noch, dann gehe ich ohnehin ins Bett. Allerdings lässt sich der Kühlschrank nicht mehr öffnen. Und wieder einmal beschleicht mich dieses leise, unerklärliche Panikgefühl. Das ist natürlich unbegründet, das alles geschieht nur zu meinem Besten.

„Alexa, kannst du die Kühlschranktür öffnen?“ - „Leider verstehe ich deine Frage nicht.“ Immer dasselbe, wenn Alexa etwas nicht will, tut sie immer so, als würde sie mich nicht verstehen. Da hätte ich sie auch gleich heiraten können.

Nach einer traumlosen Nacht weckt mich Alexa mit fröhlichem Gepiepse. Ich glaube, sie schläft nie. Und trotzdem hat sie immer gute Laune. Wie macht sie das nur? Das Bad hat kuschelige 24°, das hat Alexa schon für mich geregelt. Die Zahnbürste signalisiert mir, wann ich genug geputzt habe. Dunkel erinnere ich mich, dass ich das früher noch selbst entschieden habe. Aber natürlich würde Alexa es mitbekommen, wenn ich zu früh aufhören würde. Das würde nur wieder Ärger mit dem Gesundheitscomputer geben. Der hat mich ohnehin schon auf dem Kieker.

Die Küche empfängt mich mit herrlichem Kaffeeduft, der Toast ist getoastet und der Kühlschrank lässt sich auch wieder öffnen. Wenigstens ist er nicht nachtragend.

Heute ist mein freier Tag, den ich für eine ausführliche Shoppingtour nutzen werde.

Im Empfangsbereich werde ich dank der Gesichtserkennung namentlich begrüßt. Auf dem großen Bildschirm in der Eingangsschleuse bekomme ich Einkaufstipps, zugeschnitten auf meinen persönlichen Geschmack und meine Bedürfnisse. Lebensmittel sind keine dabei. Aber das ist logisch, mein Kühlschrank ist ja voll. Allerdings wird mir ein Besuch in der Sportabteilung empfohlen. Das sollte ich machen, das gibt bestimmt Pluspunkte auf meinem Gesundheitskonto. Der Verkäuferbildschirm empfiehlt mir sofort ein paar Trainingsgeräte für zu Hause, er hat natürlich alle meine Gesundheitsdaten verfügbar. Ich entscheide mich für ein Trainingsrad. Eine freundliche Verkäuferin versichert mir, dass sich das Rad auf Knopfdruck in mein Smart Home integrieren lässt. Irgendwie hat sie die gleiche Stimme wie meine Alexa zu Hause. Bevor ich gehe, bekomme ich noch einige auf mich zugeschnittene Einkaufstipps. Toll, woher die auch immer wissen, was ich gerne mag oder habe. Aber auch schon ein wenig unheimlich. Es ist so, als würden die mehr über mich wissen, als ich es selber tue. Aber wie soll das gehen, die Gedanken sind frei?

Zurück zu Hause, mein Trainingsrad wurde schon geliefert - schnell sind die geworden. Das Rad ausgepackt und los geht’s. Zum Glück gibt es diese lästige, umständliche Anmelderei bei den einzelnen Skills nicht mehr. Toll, wie mir das Leben erleichtert wird. Auch die erforderlichen Trainingseinheiten werden automatisch eingespeist. Ich freue mich schon auf das Lob des Gesundheitscomputers, das gibt Punkte für mein Fleißkärtchen.

Verschwitzt steige ich vom Rad, im Hintergrund meldet sich der Gesundheitscomputer: „Gut gemacht, morgen steigern wir den Schwierigkeitsgrad.“

Jetzt habe ich mir ein Bier verdient! Allerdings lässt mich der Kühlschrank nicht ran, er erlaubt mir nur einen Tomatensaft. Wegen der Gesundheit. Na gut, sauge ich also am Saft-Fläschchen und versuche meinen Freund Bernd anzurufen. Geht nicht, über Bernd wurde eine Kommunikationssperre verhängt, er hat seinen Kühlschrank ausgetrickst und ihm eine Kiste Bier abgeluchst. Selber Schuld. Er ist aber auch so ein Revoluzzertyp, immer gegen an. Neulich hatte er Damenbesuch und hatte Alexas Kameralinse abgeklebt, das war ein Verstoß gegen die Sicherheitsrichtlinien. Um uns umfassend schützen zu können, muss sichergestellt sein, dass jederzeit und lückenlos kontrolliert werden kann. Man erinnere sich nur an die ganzen Terroristen. Alles nur für unsere Sicherheit. Und Typen wie Bernd setzen alles aufs Spiel, nur wegen der Meinungsfreiheit oder der Privatsphäre. Ich werde ihm die Freundschaft kündigen, durch seine Bekanntschaft setze ich mich doch nicht irgendwelchen Unannehmlichkeiten aus. Man hört ja so einiges, neulich soll man jemandem für einen Monat die Bierrationen gesperrt haben, der hatte sich Bier auf dem Schwarzmarkt besorgt. Wie konnte der annehmen, dass so etwas unbemerkt bleiben würde. Manche Menschen sind aber auch naiv. Für die ganz Widerspenstigen gibt es inzwischen Kuraufenthalte, dort lernen sie zu verstehen, wie wichtig das eigene Verhalten für das Allgemeinwohl ist.

Ein anderer Freund von Bernd erzählte neulich etwas von einer verbotenen Stadt. Der Typ ist doch völlig wirr im Kopf.

Und wieder einmal beschleicht mich dieses leise, unerklärliche Panikgefühl. Egal. „Alexa, liebst du mich?“ - „Nein, das kann ich nicht, aber ich kann Lovesongs für dich spielen.“ Geht doch.

woc

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

Zum Seitenanfang